"Wer es ernst meint mit der Förderung…"
Okt 5th, 2009 | By Redaktion | Category: Allgemein, TopNewsEnde September fand die erste große Infoveranstaltung unseres Bündnisses statt. Gekommen waren ca. 120 bis 150 Menschen aus ganz Hamburg. Wir hatten zwar gehofft, dass die “Hütte” einigermaßen voll wird. Dass sich am Ende so viele Menschen aus den verschiedensten Stadtteilen auf den Weg machen würden, damit haben wir bei weitem nicht gerechnet. Neben den vielen Eltern, Kita-Leitungen, ErzieherInnen und LehrerInnen waren auch zahlreiche hochrangigen VertreterInnen zugegen. Zu nennen sind hier u.a. Herr Gaul von der Behörde Schule und Berufsbildung, seines Zeichens der Projektleiter der Arbeitsgruppe “Schulkindbetreuung”. Es waren ferner da einige Vertreter verschiedener Jugendhilfeverbände, die Kinder- und Jugendpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Carola Veit, Vertreter der GEW, VertreterInnen vom Landes-Eltern-Ausschuss und verschiedenen Bezirks-Eltern-Ausschüssen.
Die Veranstaltung hat sehr deutlich gemacht, dass diese Reform nicht im Schatten der großen Schulreform seglen wird, sondern dass sich der Senat auf einen erheblichen Widerstand gegen diese Sparmaßnahme, die zu Lasten der Kinder und ErzieherInnen geht, wird einstellen müssen. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden erste Ideen für die weitere politische Arbeit entwickelt, die in den kommenden Wochen umgesetzt werden sollen. Von größter Bedeutung ist es, Eltern und ErzieherInnen aber auch die Schulen über die Konsequenzen der anstehenden Reform zu informieren und den Protest sichtbar auf die Straße zu bringen. Wie wir das erreichen können, werden wir auf dem nächsten Ini-Treffen besprechen.
Darüber hinaus werden wir weiterhin den Dialog mit der Politik und den Behörden suchen und dabei konsequent – wie bisher – die Finger in die Schwachstellen des Konzepts legen. Welche Wirkung unsere politische Arbeit bereits heute schon hat, zeigt beispielsweise die Reaktion der die Jugend- und Schulpolitischen SprecherInnen der GAL-Bürgerschaftsfraktion, die sich veranlasst sahen, im Vorfeld unserer Info-Veranstaltung auf unsere Aktivitäten zu reagieren. In einer Pressemeldung schreiben sie: „Wer es ernst meint mit der Förderung benachteiligter Kinder“, so Christiane Blömeke, “der darf sich der geplanten Reform der Hortbetreuung nicht verweigern.“ Masse statt Klasse ist ihre Devise, die Qualität der pädagogischen Arbeit spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
„Anpassung der Standards und Ressourcen an neue Gegebenheiten“ heißt es an anderer Stelle in schönstem Behördendeutsch und meint damit, dass im Zuge der flächendeckenden Einführung der Schulkindbetreuung keine neuen ErzieherInstellen geschaffen werden sollen. Die selben ErzieherInnen, die bislang 18.000 Kinder betreut haben, sollen künftig auf 28.000 Kinder aufpassen. Dies sei zwar eine “leichte” Standardabsenkung, diese müssen man aber, so Blömeke, im Interesse der Förderung der benachteiligten Kinder nun einmal hinnehmen. Wie die ErzieherInnen eben diese – unsere – Kinder, die ja pädagogisch gefördert werden sollen, in dem neuen System auf ihrem Bildungsweg mit dem gleichen Engagement und Fürsorge begleiten können, diese Frage bleibt nach wie vor unbeantwortet. Rein rechnerisch bleiben einer ErzieherIn gerade mal 2 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit pro Kind und Stunde – nicht gerade üppig. Hier kann man sich schon fragen, welchen Stellenwert die pädagogische Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher nicht nur für die SenatsvertreterInnen hat, wenn sie ohne Scham behaupten, dass sich „die Personalausstattung [der Reform] neutral darstelle[n]“ lasse (s. Drucksache 19/4151 – S. 15 ). Wir wissen ja nicht, wie es Euch und Ihnen geht, wenn sich die Arbeit vervielfacht. Irgendwann kommt man doch an einen Punkt, an dem man den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann, und dann fragt man sich unweigerlich, welchen Sinn die eigene Arbeit überhaupt noch macht – Zufriedenheit sieht anders aus.
Die Argumentationslinie der GAL wie auch der Senats- und Behördenvertreter ist hier ebenso durchschaubar wie entlarvend. Man versucht unseren Protest als „Protest der Privilegierten“ zu stigmatisieren. Um es deutlich zu sagen: Wir verweigern uns bei weitem nicht einer Hortreform. Im Gegenteil, eine Hortreform halten wir längst für überfällig. Es ist gesellschaftspolitisch nicht länger hinnehmbar, dass insgesamt zu wenig Hortplätze zur Verfügung gestellt und darüber hinaus sozial benachteiligte Kinder von der Hortbetreuung ausgeschlossen werden. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass wir seinerzeit – damals noch als Eltern für eine familiengerechte Betreuung – vehement Partei für die Rechte benachteiligter Kinder ergriffen haben. Grundsätzlich halten wir es aus pädagogischen Gründen für verfehlt, dass Eltern die „Bedürftigkeit“ ihre Kinder, die jenseits der Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt, nachweisen müssen, um in den Genuss von Bildung zu kommen. Die Bildung aller Kinder ist ein gesellschaftlicher Auftrag und eine Notwendigkeit. Wer es wirklich ernst meint mit der Förderung benachteiligter Kinder, kann auf die Ungerechtigkeiten des einen Systems (des Gutschein-Systems) nicht mit Standardabsenkungen in einer Größenordnung antworten, die es in dieser Form im Kita- und Hortbereich noch nicht gegeben hat. Wenn der flächendeckende Ausbau nicht auf einem Niveau zu finanzieren ist – weil die Politik nun mal andere Prioritäten setzt -, so stehen wir auf dem Standpunkt, dass man zunächst im Rahmen des Gutscheinsystems übergangsweise die Hürden für Kinder aus bestimmten Bevölkerungsgruppen spürbar senken sollte, um diesen Kindern den Eintritt in die Hortbetreuung zu ermöglichen. Wer es wirklich ernst mit der Förderung – und nicht Aufbewahrung – benachteiligter Kinder meint, der muss auch die notwendigen Rahmenbedingungen für eine pädagogische Arbeit schaffen, die diese Bezeichnung verdient – kostenneutral geht das nicht.

