Offener Brief

Sep 22nd, 2009 | By Redaktion | Category: Im Wortlaut, TopNews

Offener Brief an die Senatorin Goetsch und den Senator Wersich

Hamburg, 22. September 2009

Sehr geehrte Frau Goetsch, sehr geehrter Herr Wersich,

in Anbetracht einer Reformflut im Schulkindbereich möchten wir Sie auffordern, inne zu halten und einen Schritt nach dem anderen pädagogisch sinnvoll zu planen und umzusetzen:

Erst die Schulreform und dann die Hortreform!

Das Hamburger Bündnis Hortbetreuung und der LEA sagen ausdrücklich Ja zur Schul­reform und fordern den Aufschub der Hortreform, bis die materiellen und personellen Ressourcen abgesichert sind. Wir nehmen keine Verschlechterung der pädagogischen Arbeit mit unseren Kindern durch die Einführung der „verlässlichen Aufbewahrung an Primarschulen“ hin. Wir fordern die Schul- und Sozialbehörde auf, zunächst die Schul­reform mit ihren vielfältigen Anforderungen an die Institution Schule, die Schulleitungen und die LehrerInnen besonnen umzusetzen und erst nach der Konsolidierung der Fusionen der Schularten eine weitere angemessen ressourcierte Reform der etablierten Hortarbeit in Angriff zu nehmen.

Folgende Entwicklungsaufgaben stehen für die Hamburger Schulen laut Schulinspektion (2008) für die nächste Zukunft vorrangig an:

  1. Der Unterricht muss entsprechend einer viel höheren Schülermotivierung und Ausrichtung auf den einzelnen Schüler/die einzelne Schülerin ausgerichtet werden,
  2. Problemlösendes, entdeckendes und selbstgesteuertes Lernen der Kinder und systematische Reflexion der Lernprozesse sollen im Vordergrund stehen.
  3. Die Berücksichtigung der individuellen Lernvoraussetzungen und die Förderung der einzelnen Kinder stehen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit.
  4. Die systematische Begleitung und Förderung der professionellen Entwicklung der Lehrkräfte muss sich in fast alle Schulen etablieren.
  5. Strategien zur verbindlichen Umsetzung von Absprachen und Festlegungen innerhalb der Schulen bis hin zu festgelegten Kriterien für die Leistungsbewertung und Abstimmung der Unterrichtspraxis muss zunehmend in den Schulen sichergestellt werden.
  6. Schulinterne Evaluation und Ableitung und Umsetzung von Konsequenzen soll zukünftig eine auf Kompetenzerwerb ausgerichtete Schulkultur etablieren.

Die Schule muss also zukünftig im verstärkten Maße neue didaktische Konzepte ent­wickeln. Veränderte Prioritäten setzen heißt auch, an der Veränderung der Unter­richtsplanung  und des methodischen Vorgehens jeder einzelnen Lehrkraft zu arbeiten. Eine sehr viel höhere Diagnose­kompetenz der Lehrkräfte und die Entwicklung von Förderkonzepten setzen  den Erwerb von Wissenszuwachs voraus. So müssen auch Zeiten für Absprachen, Festlegungen, Harmoni­sier­ung des Unterrichts und Erarbeitung von Gesamtkonzepten in Schulen vorgehalten werden – eine enorme Entwicklungs­aufgabe der einzelnen Schule, Schulleitungen und LehrerInnen, welche die Schulreform erst einläuten kann und den Gedanken einer neuen Lern- und Lehrkultur Rechnung trägt.

Mit Einführung der Primarschule kommen weitere Entwicklungsaufgaben auf die Lehrkräfte zu:

  1. Die Heterogenität der Lerngruppe soll Berücksichtigung finden.
  2. Migrationshintergründe der Schüler und Schülerinnen dürfen die Chancengleichheit der Kinder nicht beeinträchtigen.
  3. Sitzenbleiben wird abgeschafft, stattdessen greifen spezielle Förderkonzepte.
  4. Lernentwicklungs- und Lernstandsgespräche erfolgen mit Eltern und Kindern in einer angemessenen Form.
  5. Kompetenzorientierung und Wertschätzung wird Standard in der neuen Lehr- und Lernkultur.
  6. Teamarbeit mit KollegInnen aus Gymnasien in den Klassen 4-6 muss etabliert werden.

Insgesamt ist dies eine respektable Organisationsentwicklung, die Hochachtung und jede Unter­­stützung verdient und durch ihre Komplexität die Energie aller Beteiligten bindet. Gleichzeitig ist der Entwicklungsprozess ein fragiles System mit hoher Störanfälligkeit, weil es bei der Umsetzung auf den einzelnen Lehrer/ die einzelne Lehrerin und Schulleitung ankommt.

Die Lehrkräfte und Schulen können nicht auch noch die Entwicklungsaufgaben, die mit der Zusammenführung zweier Systeme geleistet werden müssen, umsetzen.

Frau Goetsch und Herr Wersich, überfrachten Sie das Schiff der Schulreform nicht, sonst droht es zu sinken!

Das Hamburger Bündnis Hortbetreuung und der LEA begrüßen den Gedanken, dass sich nach Jahrhunderten getrennter Entwicklung und historisch unterschiedlich gewachsenen pä­dagogischen Ausrichtungen nun Schule und Jugendhilfe zukünftig verzahnen sollen. Doch nicht um den Preis, dass zukünftig mehr Kinder mit weniger Personal betreut werden sollen.

Aufbewahrung ohne pädagogische Qualität widerspricht den wissenschaftlich belegten Stan­dards von förderlichen Lern- und Lebensbedingungen von Kindern heute, der Intention der Schulreform und ist ein Rückschritt ins letzte Jahrhundert. Der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrag von Schule und Jugendhilfe lässt sich nicht zum Nulltarif oder „kosten­neutral“  umsetzen.

Hier sind Sie als SenatorInnen und die Parteien gefragt, Farbe zu bekennen und Prioritäten im Sinne einer professionellen, pädagogischen Qualität zu setzen. Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit in einer wachsenden Stadt kann doch nur durch die Men­schen und besonders durch die nachrückende Generation mit ihren Inhalten und Talenten ge­lebt werden, wenn diese auch entsprechende Wertschätzung und eine angemessene Anzahl pädagogischer Bezugs­personen erhalten. Und das braucht kleine Gruppen von 12 Kindern pro ErzieherIn, wie jüngst in einer Expertise der Hochschule Berlin belegt wurde.

Stattdessen sollen in der verlässlichen Betreuung der Primarschulen die Gruppen­frequenzen um 50 %  von 17 auf 25 Kinder erhöht werden. Das ist nicht nur vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt­erfahrungen von Kindern in der Schule (siehe aktuelle Studie der Universität Lüneburg) verant­wortungslos, sondern karikiert die Forderungen der Erzieher­Innen vor dem Hintergrund der bundesweiten Proteste und Streiks im höchsten Maße.

Das angeblich kostenfreie Bildungs- und Betreuungsangebot an den Schulen entpuppt sich in Wahrheit als pädagogisch qualitätsarmes Aufbewahrungsangebot. Geringverdiener müssen nach der Hortreform mehr bezahlen, wenn sie denn eine warme Mahlzeit für ihre Kinder oder gar Betreuung in der Ferienzeit erwerben wollen.

Da es bislang keine pädagogischen Konzepte für die Zusammenarbeit von Schule und Jugend­hilfe gibt, so gibt es auch kein pädagogisches und bedarfsgerechtes Raumkonzept. Doch sollen  dieses Jahr bereits 50 % der Konjunkturmittel des Bundes für die entsprechenden Bau­maß­nah­men ausgegeben werden. Wir halten von konzeptlosen Investitionen in schulische Baumaß­nahmen nichts!

Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe, genauer: die Zusammenarbeit von Lehr­kräften und ErzieherInnen ist überhaupt noch nicht geregelt. Jugendhilfe hat ein eigenes Profil entwickelt, und die aktuelle Hortarbeit hat sich in ihrer pädagogischen Vielfalt stark an den Bedürfnissen der Kinder und Eltern ausgerichtet. Sie ist kein verlängerter Arm der Schule und kompensiert nicht die Erziehungsaufgaben, die am Vormittag nicht geleistet werden konn­ten. Hier kommen auf die Schule und Jugendhilfe noch spannende Aufgaben der Personal­ent­wick­lung und Kooperation zu und deren Begleitung durch Supervision / Coaching. Auch das kostet Zeit und Geld, welches die Stadt Hamburg zurzeit nicht zur Verfügung hat.

So lange der flächendeckende Ausbau der Schulkindbetreuung nicht in einer Art finanzierbar ist, dass wenigstens der aktuelle, bereits in der Vergangenheit mehrfach abgesenkte Qualitätsstandard erhalten bleibt, muss nach Alternativen gesucht wer­den.

Das Gutscheinsystem bietet durchaus Spielräume, sozial benachteiligte Kinder in die Nachmittagsbetreuung aufzunehmen. In jedem Fall sollte man sich die not­wen­dige Zeit nehmen und sich nicht blind den Zeitplan von den Rahmen­bedingungen eines Konjunk­tur­pakets und einer Legislaturperiode diktieren lassen.

Deswegen fordern wir auf angemessener Finanzierungsgrundlage:

Erst die Schulreform und dann die Hortreform!

Mit freundlichen Grüßen,

Hamburger Bündnis für Hortbetreuung
Landes-Eltern-Ausschuss Kindertagesbetreuung(LEA)

2 Comments to “Offener Brief”

  1. Christine Budnik sagt:

    Liebe Lea-Leute,

    gut geschrieben und dabei gleich an die richtige Stelle – danke.
    Hatte heute Elternabend im Hort an der Schule Heinrich-Wolgast (St. Georg).
    Ich habe die Eltern u.a. über euch informiert und aufgefordert eure Internetseite anzusehen.
    Viele Eltern wissen überhaupt nicht, was auf sie “zurauscht”.

    Bleibt am Ball…..ich unterstütze euch so gut ich es kann !
    Liebe Grüsse
    Christine

  2. Katrin sagt:

    Liebe Leute vom Bündnis, Liebe Autoren des offenen Briefes!

    Ich kann es einfach nicht glauben, dass die tolle Hamburger Schulreform mit Primarschule etc. und diese irrwitzige Idee der neuen Hortbetreuung aus der gleichen Feder stammen. Die Schulreform halte ich für einen guten, längst überfälligen Schritt in die richtige Richtung. Aber was hier für den Hortbereich geplant ist, schlägt alle Zumutungen, die Kinder, Eltern und Erzieher seit den Zeiten der Gutscheineinführung erdulden mussten. Hier wird sich nur am Sparen und nicht am pädagogisch notwendigen orientiert. Dies ist nun endgültig die komplette Einführung der Kinderverwahranstalt.

    Mein Kind wird in dieser Form der Betreuung total untergehen. Erst Kämpfe an der Essensausgabe, dann Hausaufgaben in einem unerträglichen Lärmpegel der Multifunktions-Räume, und dann mehr oder weniger sich selbst überlassen sein. Gerade Kinder berufstätiger Eltern brauchen ausserschulisch eine heimelige, familiäre Umgebung mit Rückzugsmöglichkeiten und ansprechbaren ErzieherInnen, die auch darauf achten, dass die Kinder soziale Kompetenzen entwickeln, und nicht das Recht des Stärkeren gilt.

    Woher sollen die Schulen die Räumlichkeiten nehmen? Die meisten stoßen schon mit der Primarschule an ihre räumlichen Grenzen. Wer soll in dieser kurzen Zeit die ganzen Umstrukturierungen bewerkstelligen? Und wie soll es möglich sein in den verbleibenden 1 1/2 Monaten des Jahres 2009 die Hälfte der Gelder für notwendige Baumaßnahmen sinnvoll auszugeben? Und dann möchte ich mal wissen welcher ausgebildete Erzieher bereit ist für einen Hungerlohn morgens von 6-8 und Abends von 16-18 Uhr und in den Ferien plötzlich ganztags zu arbeiten!! Der Gedanke, der der Hortreform zugrunde liegt, mag ja lobenswert sein, die Umsetzung ist katastrophal. So etwas habe ich von Frau Goetsch nicht erwartet! Da bin ich sehr enttäuscht, und werde mich dem Protest anschließen.

    Grüße Katrin

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